"Sieben"

Objektdaten

Beteiligte

Edmund Kesting

Datierung

1922

Geographischer Bezug

Dresden Ausführungsort

Material / Technik

Gemälde/ Assemblage

Maße

46,5 x 46,5 x 5,2 cm (Rahmenmaß)

Erwerb

Leihgabe aus Privatbesitz

Inventarnummer

LN2024/05

Standort

Ausstellung Jugendstil bis Gegenwart > Obergeschoss > Funktionalismus

Objektsystematik

Malerei > Gemälde

Schlagwortkette

Abstraktion

Sammlung

Kunsthandwerk und Design ab Historismus

Beschreibung

Edmund Kesting gehörte als Student der Akademie der bildenden Künste in Dresden zu den Engagierten und Reformwilligen. Ihn inspirierten Ausstellungen, Ausstellungskatalogtexte und Vorträge in der Galerie Arnold (Schlossstraße 34, Dresden), so vor allem die im April 1919 gesehene II. expressionistische Sonderausstellung „Der Sturm. Expressionisten-Futuristen-Kubisten“ mit Werken von Alexander Archipenko, Marc Chagall, Georges Braque, Walter Dexel, Lyonel Feininger, Albert Gleizes, Alexej Jawlensky, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Fernand Léger, Georg Muche, Kurt Schwitters und anderen.
Die gewonnenen Eindrücke ermutigten ihn seine harte, prismatisch-expressive Formsprache der Kriegsjahre aufzuweichen und atmosphärisch-gegenständlicher umzubauen. Menschliche Gemütszustände und Porträts mussten als Bildmotive weichen und schufen Raum für Landschaft, Stadt und Interieur. Die 1921 geschlossene Freundschaft mit Herwarth Walden eröffnete Kesting den Blick auf die internationale Moderne. Eine experimentelle und schaffensreiche Phase mit Bildern mit verschränkter Leinwand, Schnittcollagen, Aquarellen und Gouachen sowie der Fotografie begann. Entstehende Arbeiten lassen eine Orientierung an der internationalen Avantgarde mit Künstlern wie Lissitzky, Chagall, Kandinsky, Schwitters, Feininger oder Moholy-Nagy erkennen, zeugen aber vor allem von der Suche und dem Finden ganz eigener gestalterischer Prinzipien. Kesting baut malerisch-grafisch erst zwei- dann dreidimensional die einzelnen Elemente im Wechsel von runden und eckigen Formen auf, die mittels einer inneren Spannung die Komposition bilden. Zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit ergründet Kesting das komplexe Wesen der Natur, stellt sie kubokonstruktivistisch gespiegelt dar und überwindet so den Konservatismus der Dresdner Akademie. Bereits in der zweiten Jahreshälfte 1919 stellt Edmund Kesting gemeinsam mit Carl Piepho in der Galerie Arnold eigene Werke aus. Auch gründet er im Winter 1919/1920 seine eigene Kunstschule „Der Weg“. Im Juni 1921 folgt eine Einzelausstellung Kestings in der Kunsthandlung Emil Richter, Dresden, in welcher er Gemälde und Aquarelle zeigt.
Kesting beschäftigt sich ab 1919/20 vornehmlich mit den Elementen Zeit und Licht – Bildmotive wie Monde, Fenster, Uhren, Zahlen oder Pendel tauchen immer wieder in seinen Arbeiten auf. Er ist bestrebt eigene Bildlösungen für die klassische zweidimensionale Raumillusion in der Malerei zu finden, will das Licht nuanciert modellieren. Das flächige Bild gewinnt 1920 wortwörtlich an Räumlichkeit, durch das Einschneiden und verschränkte Spannen des Leinens, teils über, teils hinter den Keilrahmen. Es entstehen unterschiedliche Neigungen des Leinens und der Holzrahmen tritt an verschiedenen Stellen des Werks zum Vorschein. Edmund Kesting erschafft in der Malerei einen physischen Bildraum, der durch Licht- und Schattengebung die gemalten Formen plastisch noch weiter zu steigern vermag.
Bildmotive wie Hausfassaden, Fenster, Leitern, Ziegelmauern, Windmühlenflügel werden formal reduziert ins Bild gefügt und verschmelzen mit nonfigurativen Formzergliederungen auf gebauten Bildräumen.
Im Bild Sieben scheinen zunächst nur noch die gemalte Ziegelmauer und die Hölzer auf dem hervortretenden Holzrahmen am rechten Bildrand gegenständlich abgebildet zu sein, alle anderen Elemente des Bildes sind als geometrisch reduzierte Flächen wahrzunehmen, Dreiecke, Prismen, Kreise. In harmonischen und zurückhaltenden Farbklängen in Grün, Blau und Braun wandern wir in die Tiefe des Bildes. Durch den Wechsel aus eher lasierend aufgetragenen helleren Farbtönen und deckenderen Partieen erzeugt Kesting zusätzlich zu den Leinwandniveaus Tiefe im Bild. Wir werden in die Mitte des Bildes gezogen und erkennen wieder mögliche Giebelformen und lichte Fenster in denkendem Weiß. Eine kristalline Struktur tritt hinter den unzähligen Dreiecksspitzen zurück und bildet gleichzeitig das Drehzentrum des nach rechts ausschlagenden Pendels, als welches wir die rote aufmontierte Scheibe am Metallstab zu erkennen glauben.
Zwei weitere Kreisformen treten hervor. Das große deckend gemalte aus dem Rahmen herauswachsende blaue Rund und der mit einer Krampe aufmontierte Messingknopf, wie ein Schubladengriff mit Ring, welcher wiederum in einen Metallstab mündet. Durch Platzierung, Neigung und Färbung des Stabes illusioniert Kesting das Ziffernblatt einer Uhr. Der vermeintliche Zeiger steht zum Pendel im selben Winkel wie die auf das blaue Rund gemalte 7. Und auch die zahlreichen kleinen geometrischen Formen im Bild, bei flüchtigem Betrachten als Sternformen zu deuten, wiederholen letztlich immer wieder die Form der 7. Eine dynamische spitzwinklige Dreiecksform, welche sich mit den drei runden Bildelementen kontrastreich zu steigern vermag. Ruhe und Dynamik, Flächigkeit und Tiefenraum, Abstraktion und Gegenständlichkeit verbinden sich in diesem Bild-Bau-Werk auf eine faszinierende Weise.
Kestings Suchen und Finden von neuen Bildlösungen in der Zeit ist rastlos. Er bleibt nie beständig bei einer Arbeitsweise, experimentiert weiter. Aus den verschränkten Leinwänden werden Bild-Bau-Werke, Schnittgrafiken, Assemblagen, Collagen. Das vorliegende Bild Sieben scheint damit eine der wenigen entstandenen verschränkten Leinwände zu sein – genau am Übergang zu den Bild-Bau-Werken – eine Rarität. Für Kesting selbst ist dieses Bild mehrfach Ausgangspunkt neuer Werke. Die Malerei Pendel aus dem Jahr 1922 (Aquarell und Gouache) könnte bereits vor dem Bild Sieben entstanden sein. Denn die Folgewerke (O.T., Rotes Pendel und Das Rote Pendel) aus den Jahren 1926/27 beziehen sich exakt auf die Komposition des verschränkten Leinwandbildes.
Da auch die beiden Werke aus dem Jahr 1927 neben dem Hauptmotiv des Roten Pendels nur noch den zweiten Stab im Bild (wie ein Uhrzeiger auf der runden Scheibe) nebst der Zahl 7 zeigen, kann davon ausgegangen werden, dass die 4 kleinen Löcher im Leinen der oberen linken Ecke des Bild Sieben nur Arbeitsspuren des Entstehungsprozesses sind, nicht aber auf ein anfänglich aufmontiertes drittes Element im Bild hindeuten.
Schließen wir mit Kandinsky Worten „Über Kunstverstehen“ (Aus der Monatsschrift Der Sturm). Darin schreibt Kandinsky: „Das Kunstwerk ist der durch die Form redende, sich offenbarende und weiter befruchtende Geist. [...] Also soll man nicht durch Vernunft und Verstand sich der Kunst nähern, sondern durch Seele und Erleben.“
Text: Dr. Katja Wedhorn

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