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Historisches Zinn

Historische Sammlung (bis vor dem Jugendstil)

Die nahezu 500 Objekte (inklusive der Verluste) umfassende Kollektion an Zinn-Arbeiten der Historischen Sammlung (außer Plaketten und Medaillen aus Zinn) stellt im GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig einen bedeutenden Teil des Bestandes dar. Dabei sind repräsentative Zinnarbeiten aus mehreren Jahrhunderten vorherrschend, gleichwohl ist auch das einfache, sich in seinen Formen kaum verändernde Gebrauchszinn in charakteristischen Beispielen vertreten.

Die Erwerbungen an Zinn-Arbeiten des 1873 gegründeten und 1874 eröffneten Kunstgewerbemuseums in Leipzig setzten sich in den ersten Jahrzehnten hauptsächlich aus Ankäufen und Schenkungen zusammen. Eine große Bereicherung erfuhr die Sammlung dagegen erst, als in den Jahren 1906 bis 1909 die beiden bedeutenden Privatsammlungen des Leipzigers Julius Zöllner (1833–1916) und Eduard Kahlbau (†1908) aus Stuttgart erworben werden konnten. Dadurch gelangten schon relativ früh umfassende Sammlungen an Zinnobjekten des Mittelalters und der Renaissance in das Museum. Sie beeindrucken nicht nur durch ihre hohe Qualität, sondern vor allem auch durch ihre Quantität, so dass seitdem das Museum mit vergleichbaren Sammlungen in Europa konkurrieren kann.

Ein Schwerpunkt bildet das sog. Reliefzinn aus der Zeit der Renaissance, das auch als „Edelzinn“ bezeichnet wird. Reliefzinn, dessen Hoch- oder Flachrelief in geschnittenen oder geätzten Formen entstand, diente nicht zur Aufnahme von Speisen oder Getränken, sondern war begehrtes Prunkgeschirr, das auf Kredenzen in fürstlichen Palästen und den Häusern der wohlhabenden Patrizier zur Schau gestellt wurde und damit eine repräsentative Aufgabe erfüllte. Der Dekor umfasst hauptsächlich Ornamente wie Akanthus, Arabesken, Mauresken und Grotesken, figürliche Szenen aus der Antike und dem Alten und Neuen Testament, Allegorien, historische Personen oder üppige Barockblumen. Die wertvollen Gussformen waren zum Teil über mehrere Generationen und bei verschiedenen Meistern in Gebrauch.

Unter den wichtigsten Reliefzinn-Arbeiten finden sich Stücke der Nürnberger Meister Caspar Enderlein, Jacob Koch II., Albrecht Preissensin und Nicolaus Horchhaimer, von François Briot aus Montbéliard und Christoph Geriswalt aus Annaberg. Als Meisterwerk der Renaissance gilt die von François Briot in Montbéliard gearbeitete „Temperantia-Schüssel“ samt der dazugehörigen Kanne (so bezeichnet nach dem Medaillon mit der allegorischen Darstellung der Temperantia, der Mäßigung, in der Schüsselmitte). Bereits zu Lebzeiten wurden Briots Arbeiten kopiert bzw. modifiziert, etwa von Caspar Enderlein in Nürnberg.

In Sachsen und dem nördlichen Böhmen fand der Nürnberger Reliefzinnguss des 16. und 17. Jahrhunderts sein Gegenstück. In der Nähe der ergiebigen Zinnvorkommen, in Städten wie Annaberg, Schneeberg, Freiberg, aber auch in Dresden und Leipzig, blühte das Zinngießerhandwerk.

Ebenso sind Arbeiten aus dem 18. Jahrhundert in der Sammlung in großem Umfang vertreten. Nun war es nicht mehr das Reliefzinn, das begehrt war, sondern schlichtere und einfachere Formen, die teilweise mit üppigen Gravierungen verziert waren. Sie blieben für das Zinn während der folgenden Jahrhunderte verbindlich. Gleichzeitig verfeinerte sich die Technik des gravierten Dekors weiter. Bei einigen dieser Objekte erkennt man deutlich, dass die Künstler sich eng an den aufwändigen Silbertreibarbeiten der zeitgenössischen Goldschmiede orientierten, u.a. auch deshalb, um wettbewerbsfähig gegenüber der in dieser Zeit immer beliebter werdenden Keramik – vor allem aus Fayence, Porzellan und Steingut – zu bleiben. Die mehrpassig geschweiften und mit feinen Rippen versehenden Kannen, Teller, Terrinen und Leuchter wurden vor allem von bürgerlichen Schichten erworben. Dieses „Zinn auf Silberart“ war dabei in ganz Europa verbreitet, doch verdrängten zunehmend keramische Geschirre das Zinngerät aus der Gunst der Käuferinnen und Käufer.

In die „Sammlung Online“ werden kontinuierlich weitere Zinn-Arbeiten aus der Historischen Sammlung eingepflegt.

Ansprechpartner:
• Dr. Thomas Rudi, Kurator Historische Sammlungen, Tel.: 0341-229-108, E-Mail: thomas.rudi@leipzig.de

Bearbeitung:
• Dr. Thomas Rudi, Kurator Historische Sammlungen
• Bianca Bernstein M.A., ehemalige wissenschaftliche Volontärin

Literatur zur Sammlung:
• Anneliese Hanisch, Europäisches Zinn im Museum des Kunsthandwerks Leipzig - Grassimuseum. Eine Auswahl, Leipzig 1989

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