„Ich bin nicht praktisch und bin nicht intellektuell, trotzdem habe ich gelernt, wie man ‚Töpfe‘ macht… ich habe es auf Umwegen gelernt.“ Diese Selbsteinschätzung von Lotte Reimer liest man in dem kleinen Katalog „Keramik Lotte Reimers“ von 1979 und später noch mehrmals in ihren folgenden Veröffentlichungen.
Als sie sich als mit 19 Jahren nach ihrem Abitur mit Jakob Wilhelm Hinder in den Jahren 1951 bis 1961 auf die Ausstellungstournee durch Westdeutschland begab, ahnte sie sicher nicht, dass es einmal etwa 90 Ausstellungsorte werden. Während dieser Zeit kümmerte sich Lotte Reimer um die Organisation von Ort und Raum der Ausstellung nebst der oft spartanischen Übernachtungsmöglichkeiten im Nachkriegsdeutschland. Es galt, Einladungen zu drucken und mittels der regionalen Tageszeitungen die Werbetrommeln zu rühren, schlussendlich ruhte die gesamte Öffentlichkeitsarbeit auf ihren Schultern. Dass diese Tourneen finanziell stets auf – nomen est omen – tönernen Füßen standen, sollte nicht unerwähnt bleiben. 1961 endete der Tourneebetrieb und man wurde in einer alten Scheune in Deidesheim an der Weinstraße sesshaft, in der im Laufe der Zeit ein „Museum für moderne Keramik“ entstand. Während der Wanderjahre mit J. W. Hinder begann Lotte Reimers textile Phase, in der sie stickte und auf einem Rahmen webte.
Lotte Reimers, Vase (LR 1965.12) und Kerzenhalter (LR 1965.4), 1965
Durch die temporären Keramikausstellungen und der Beschäftigung mit der Theorie des Töpferns, brannte in ihr recht bald das Feuer für die Keramik, wie sie selbst niederschrieb: „Es hatte sich für immer eingebrannt“. Ihre ersten praktischen Erfahrungen sammelte Lotte Reimers bei den Keramikern Ingeborg und Bruno Asshoff und an der Drehscheibe von Ursula und Karl Scheid in Düdelsheim bei Büdingen. Bei den Scheids offenbarte sich infolge ihres angeborenen Wirbelsäulenschadens, dass ein Arbeiten an der Töpferscheibe nicht zielführend sein kann. Deshalb entschied sich Lotte Reimers in ihrer keramischen Laufbahn für die Aufbaukeramik, in der sie recht schnell eine eigene Handschrift entwickelte. Die Form einer Keramik hielt sie für das Wesentlichste, aber am aufregendsten war für sie nach eigener Aussage das Glasurerfinden. Die Grundlage dafür war das Studieren von Büchern über Mineralogie und Geologie in den Abend- und Nachtstunden, weil tagsüber der Museumsbetrieb mit all seinen Facetten ablief. Lotte Reimers schrieb: „Wenn ich wie im Märchen drei Wünsche frei hätte, dann würde ich mir wünschen: Ein Geologie-Studium, das bereits hinter mir liegt, eine abgeschlossene Werkstatt-Lehre und das ‚Schlafen-dürfen‘, wenn man müde ist.“ Das „Schlafen-dürfen“ bleibt wohl bis zu ihrem gesundheitlich bedingten „Loslassen-müssen“ als fast Neunzigjährige ein frommer Wunsch.
Als Autodidaktin hat Lotte Reimers in ihrer etwas alchimistisch anmutenden Sammlung von Gesteinsmehlen und daraus resultierenden Engoben- und Glasurkompositionen eine Art von Grundlagenforschung betrieben. Sie hat die verwendeten Rezepturen penibel notiert und somit der Nachwelt erhalten. Der Bezug von fertigen Pigmenten aus dem Fachhandel wäre einfacher gewesen, aber genau das wollte Lotte Reimers nicht. Sie wollte wissen, wie Gesteinsmehle im Glasurbrand reagieren.
Lotte Reimers, Gefäß in Pagoden-Form (LR 2007.38), 2007
Die gleiche Motivation lag wohl auch mit ihrem Experimentieren mit verschiedenen Reb-Aschen oder Obstbaum-Aschen zugrunde. Um den Kontext nicht zu vergessen, muss man wissen, dass die 14 Jahre des gemeinsamen Museumsaufbaus mit J. W. Hinder in der alten Scheune und nach dessen Tod der Neuanfang im neuen Domizil in der Stadtmauergasse 17 einen enormen Kraftakt bedeuten. Hinzu kommt noch neben der nun alleinigen Museumsleitung ein beginnender Galeriebetrieb als Novum. Summa summarum entwickelten sich daraus 60 Ausstellungen verschiedener Künstler im Laufe von 19 Jahren. Eine gewaltige Zusatzarbeit an Organisation und Werbung und der dazugehörigen Publikationen.
Lotte Reimers, Enghalsform auf oval-spitzem Grund (LR 2020.115), 2020
Und es gibt noch eine Seite von Lotte Reimers, die erwähnenswert ist. In dem Katalog „Lotte Reimers – Keramik aus 25 Jahren“ ist dazu ein „Kleines Credo“ von ihr aus dem Jahre 1992 zu finden: „In meinem Lebenslauf erscheint nur einmal das Wort Fotografie mit dem Zusatz -seit 1957-“, sie führt weiter aus, „Beim Fotografieren will ich keine künstlerischen Arrangements festhalten, sondern ganz subjektive Schnitte aus einem Stück Welt, was mich erregt…“ Diese Aussage sollte man bei dem Betrachten ihrer Fotos berücksichtigen. Sie wollte die Welt auf dem Foto so darstellen, wie die Welt oder das Objekt ungeschönt ist.
Zu Lotte Reimers Oeuvre wäre noch zu bemerken, dass in ihrer Künstlerlaufbahn von 1965 bis 2020 rund 6500 Keramiken entstanden. 1976 schrieb Lotte Reimers zu ihrem Werdegang: „Ich finde es schön, Keramik zu machen und finde es wichtig, mitzuhelfen, dass das ‘Museum für moderne Keramik‘, das nach dem Tod seines Gründers Jakob Wilhelm Hinder fast 2 Jahre geschlossen war, in dem alten Winzerhaus in der Deidesheimer Stadtmauergasse 17 nicht zur Totenkammer wird, sondern eine lebendige Keimzelle bleibt.“